Plattenkritik

Brand New - Daisy

Redaktions-Rating

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Release Date: 25.09.2009
Datum Review: 26.09.2009

Brand New - Daisy

 

Ein schwieriges, ein versponnenes, ein kaputtes, ein doppelbödiges Album. Dass BRAND NEW sich zur sehr in der Rolle der Konsequentverweigerer gefallen, als dass sie die epische, fragile Tiefe des Vorgängers einfach replizieren, war irgendwie klar. Unter all den Geräuschen, der Skelettierung und der fast schon zu unmittelbaren Emotion lauert sie trotzdem: Die Wahrheit, dass Bands mit dem Herz am rechten Fleck einfach nicht tot zu kriegen sind.

„Unglaublich, die haben mal Poppunk gespielt!“ oder aber: „Deja Entendu, das war Emo mit den richtigen Einflüssen.“ Das dachten, nein, das denken viele. Danach war auf einmal alles anders. Danach nämlich lieferten BRAND NEW die wahre Blaupause für gleichsam emotionalen wie unkonventionellen Gefühlsrock, der sich glücklicherweise bereits im Vorfeld an sämtlichen Standards abgearbeitet hatte. Diese Band ist ein Gefühl, ist ein Gefühl, ist ein Gefühl. Immer noch unglaublich, wie viele spannende Wendungen "The Devil And God…" nahm, nimmt und nehmen wird, wie wenig die Gefühlswelt des sich-ewig-deplatziert-Fühlenden scheinbar bisher ausgeleuchtet wurde. Nur, was sollte danach noch kommen? Das Album, während dessen Konsum der Hörer stirbt, weil er einfach nicht genug bekommen kann von dieser überbordenden Macht der Gefühle? Er sich schlichtweg nicht lösen kann, von diesen Melodiefolgen, diesem stetigen Auf- und Abwogen von herzzereissenden Szenen, er einfach austrocknet mit einem wohligen Lächeln auf dem Lippen ob dieser schieren Schönheit. Der Literaturfreak denkt jetzt zu recht an David Foster Wallace und dessen „Infinite Jest“. Nur soviel: "Daisy" will nicht alles auf einmal. Es ist anders. Verstörter und auch ein bisschen gemein. Öffnen wir mal den Korpus und schauen nach, was BRAND NEW im Jahre 2009 im Inneren zusammenhält. Die Gitarren klingen wie spukende Geister, Störgeräusche intervenieren immer wieder. Halten spannend und machen schwer. Irgendwie ist das alles konziser und trotzdem weiter weg als zuvor. Über allem thront wie gehabt die alte Metaphysik, die Heilsverprechen, die in Jesse Laceys Biographie begründet liegen und einfach nicht (heute oder übermorgen) eingelöst werden wollen.

'Vices' lädt ein mit Pianogeklimmper und einer weiblichen Stimme aus längst vergangenen Zeiten. Eine Ode an den Verflossenen? Ein Klagelied? Dann plötzlich reißen BRAND NEW den Vorhang auf – und schauen auf eine trübe, graue Betonwand. Schlagzeug, Feedback, beißender Schreigesang und schiefe Gitarren. Ein atonaler Schlag mit dem Handrücken ins Gesicht all jener, die beim Konsum des Vorgängers noch regelmäßig das Taschentuch zücken mussten. In 'Bed' sind sie dann plötzlich da, die klaren Gitarren und Lacey lässt sich wispernd in den Gehörgängen nieder, wenn auch längst nicht so ausladend wie früher. Die alten, großen Themen Liebe & Verrat referierend wie wenige andere. 'At The Bottom', die erste Single klingt dann tatsächlich ein wenig so wie MODEST MOUSE in der BRAND NEW-Version: Herrlich angeschrägt in der Melodieführung, mit stringentem Refrain. Jesse Lacey singt so, als lägen ihm all die unausgeprochenen Worte noch im Mund und als wolle er sie nicht ausspucken, noch ein wenig darauf herumkauen, bis zumindest ein wenig Klarheit herrscht. Die natürlich nicht kommt. Nicht auf diesem Album. 'You Stole' schließlich ist der erste Song auf "Daisy", welcher an den zunächst zerbrechlichen dann ausladenden Gestus des Vorgängers gemahnt. Der Titelsong flirtet mit programmiertem Beat, einer phantastischen Gesangslinie und gemäßigter Atonalität. 'Noro' gibt sich zunächst im Gewand des versöhnlichen Rausschmeißers, ist allerdings mit kantigem Bass und kaltem Beat ebenfalls nicht eben leicht verdaulich. Ein Album wie ein Trip, der die Schönheit zwar immer wieder umkreist, ihr allerdings misstraut im Detail. Ein spannendes, ein forderndes Album. Auch wenn BRAND NEW ein stückweit wieder andere sind.

Tracklist:

01: Vices
02: Bed
03: At The Bottom
04: Gasoline
05: You Stole
06: Be Gone
07: Sink
08: Bought a Bride
09: Daisy
10: In a Jar
11: Noro

Alte Kommentare

von Pat. 26.09.2009 16:03

Brand New entwickeln sich immer weiter, unglaublich dass sie fast auf jedem Album ein anderes Klangbild liefern. Daisy bekommt von mir 7/10.

von Shit 26.09.2009 17:30

Band Link mal wieder falsch und auf MySpace geht nicht einer der neuen Songs - schon mal ätzend und ein klarer Punktabzug

von molch 26.09.2009 18:37

review bis zur hälfte super! danach wirkts irgendwie, als hättest du kein bock mehr gehabt. ;) album gestern gekommen, bin im 3. durchlauf. dauert vermutlich noch eine weile, bis es zündet.

von TLC 26.09.2009 18:48

Haaaaammer! Dieses Album ist der Killer! Klar, wird's vielen nicht gefallen, da es schon ziemlich schräg und sperrig ist, aber gerade das macht's doch spannend - von mir 9/10!

von Christopher 26.09.2009 20:41

könnte verstehen, wenn es einige nicht so gut wie dessen Vorgänger finden, doch wenn man sich damit abfindet, dass vielleicht etwas von der - öhm - Epik reduziert wurde, findet man eine echt starkes Album vor. Diese Mischung aus Modest Mouse-Rock, Noise, "Emo", Blues und 80ies Gitarren und halt der ganze generelle Post-Punk Schleier drumherum (ich weiß, viele Genre-Bezeichnungen) ist meiner Meinung nach einfach nur genial. Ich finde es kann auf seine Weise locker mit dem Vorgänger mithalten, da es vielelicht einiges anders macht, aber halt nicht komplett ALLES. Daisy hat jedenfalls sehr starke Chancen mein persönliches Album des Jahres zu werden, wenn ich mir dadrüber den Kopf zerbrechen müsste.

von Benni 26.09.2009 21:20

9/10 alles gesagt...beste band einfach!

von molch 26.09.2009 23:22

at the bottom mein momentaner übersong. aber das album wächst und wäscht und wächst...

von René // allschools 26.09.2009 23:31

Hm, dabei habe ich für die zweite Hälfte des Reviews sehr viel länger gebraucht...:)

von keshi 27.09.2009 02:31

einfach toll

von Sven 28.09.2009 12:44

Album-des-Jahres-Qualität. Ohne Frage. Ein Brocken von Album, der erschlossen werden will. Dann aber hängen bleibt. Seit Freitag quasi ununterbrochen gehört. Bin mehr als begeistert. Und überrascht.

von muff-t 29.09.2009 15:53

Sehr sperrig, man muss dem Teil echt ein paar Durchläufe geben, aber dann gefällts. Sehr sogar. Auf jeden Fall 8p. Fürs Artwork 10

von roman 01.10.2009 09:48

ich war immer riesen fan. das album ist natürlich auch groß, bisher habe ich jedoch immer direkt zugang zu den songs gefunden. schade eigentlich..

von Flo 04.10.2009 16:24

ein großes Album

von hmmm 15.11.2009 00:20

entweder bin ich zu blöd, oder hab keine ahnung von musik, aber ich finds eher öde..

von sabotage 24.11.2009 16:02

großartiges album! aber warum sind die lyrics nicht im booklet abgedruckt?? :(

von sabotage 24.11.2009 19:15

ach ja sehr gutes review übrigens. respekt!

von molch 24.11.2009 20:39

das booklet ist wirklich nicht so der hammer. album dafür umso mehr, hat lange gedauert, aber dafür ist es nun umso intensiver.

von t. 25.11.2009 22:44

ist ja echt sperrig zu anfang..aber dann wirds ne mordsschreibe.. sehr geil... eine der top-10-platten 2009...

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René

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