Plattenkritik

Loma Prieta - I.V.

Redaktions-Rating

Info

Release Date: 17.01.2012
Datum Review: 10.07.2012

Loma Prieta - I.V.

 

LOMA PRIETA als Newcomer zu bezeichnen, zeugt eigentlich von blanker Unkenntnis, ist I.V. doch bereits das (logisch) vierte Album der ätherischen, auf sich selbst zurück geworfenen Dampfwalze aus der Bay Area. Weil einige sie vielleicht noch nicht kennen und sich noch jeder über das Gefühl einer neu entdeckten Lieblingsband freut wie Sau, machen wir das einfach trotzdem: LOMA PRIETA sind eine der besten neueren Bands zur Abrüstung des Ich. Kann also losgehen.

Hardcore inklusive seiner Satellitengenres ist nicht seit gestern erst und „The Wave“: alles. Kampf wider das Ich, kritischer Blick auf seine direkte Umwelt und „the man“, Durchhalteparole, persönlicher Aderlass, Kumpelcrewquatsch, Fragilität, starke Schulter, die große Zerstörerin. Was Hardcore mit großer Sicherheit nicht ist: das Stechen und Beißen abgehalfterter Legenden, denen Weiterentwicklung ein Fremdwort ist. Kameraschwenk auf LOMA PRIETA aus der Bay Area. Die haben nicht zuletzt mit "Life/Less" eine Tour-de-force aus bulliger, kathartischer Härte, übersteuerter Verzweiflung und zurechtgestutzter Epik zusammengebaut, dass dem Hörer sehr häufig Angst und noch häufiger Bange wurde. Jetzt also Nummer vier. Nach knapp sieben Jahren Bandexistenz. Wenn aus dieser Grenzgängerplatte jemand lebend rauskommt, dann höchstens die Band. Und selbst das ist nicht mal sicher.

Was haben J. und T. hier mal wieder für ein Gespür bewiesen. Sagt man selbst METALLICA-Geht-so-Metronom Lars Ulrich nach, er habe ein gutes Händchen im Bereich des Förderns aufstrebender Bands, stöbern die Deathwishinc.-Macher feinsäuberlich im schrundigen Untergrund und fördern ganze Bewegungen zutage. LOMA PRIETA sind da höchstens die Spitze des Eisbergs. Und was können die jetzt so? Bullige Härte aus dem BOTCH-Fundus, Schlagzeugkaskaden, konzise Naturgewaltenepik, Momente voll schreiend schöner Erhabenheit, übersteuerte Exorzismusstimme, die totale Verzweiflung des originären Screamo (wir denken an: ORCHID). Vordergründiges Chaos voll Seele, hintergründige Melodik voll Chaos. Vielleicht auch: selbstverletzender Postrock, der sich im richtigen Moment selbst seine Grenzen aufzeigt. Der Postrock/LOMA PRIETA-Vergleich hinkt dabei gar nicht mal so stark, wie man vielleicht vermuten könnte. Ein kurzer Blick in die Welt der Literatur: oftmals schärft eine gedrungene Kurzgeschichte den Blick auf das große Ganze wesentlich gewinnbringender als ein überbreit angelegter 900-Seiten Trümmer. In diesem Fall sind LOMA PRIETA naturgemäß die shortstory. Was die Band beibehalten hat, ist die Kürze der Songs. Auch das PUNCH- / US HAUNTED BODIES-Umfeld bleibt immer klar erkennbar. Wer möchte, der findet im Bandnamen sowohl einen Berg als auch ein Erdbeben (und beides passt).

Bereits 'Fly By Night', ein für diese Band beinahe episch anmutender Song, verdichtet sämtliche Stärken: das Kratzen und Beißen des Screamo. Geschichtetes Schlagzeug, Metalriffing und Ideen, aus denen andere Bands ganze Platten bauen würden. LOMA PRIETA bleiben dabei jedoch gerade noch so nachvollziehbar, verletzlich und versöhnlich, dass das Hören nicht an Selbstkasteiung grenzt. LOMA PRIETA entfachen einen mitunter seltsamen melodischen Sog. Wesentlich physischer ist da schon der Mittelteil des Albums. Nennt eine Band drei ihrer Songs so herrlich bedeutungsschwer 'Trilogy 4, 5, 6', muss sie natürlich liefern. LOMA PRIETA kämpfen sich durch skelettierte Ausbrüche, durch Blastbeats und Höllenbass bis das alles droht in sich zusammenzufallen. Und es in völliger Übersteuerung dann auch tut. „Stay the fuck away from me.“ Blickdichter, existenzieller, verzweifelter als in 'Uniform' wird es in diesem Jahr in diesen scheinbar mühelos miteinander kombinierten Subgenres wohl nicht mehr werden. Vorausgesetzt der Hörer lässt sich gerne niederschreien, vom Schlagzeug beerdigen und später wieder als ein Anderer (Besserer?!) neu zusammensetzen. LOMA PRIETA werden ihre eigene Referenz. Schief-böse Einminüter, die ein komplettes Leben vorwegnehmen, dazwischen der ganze verdichtete epische Scheiß. Die besten Gedanken kommen mir immer beim Schreien.8,5

Tracklist:

01: Fly By Night
02: Torn Portrait
03: Reproductive
04: Trilogy 4 "Momentary"
05: Trilogy 5 "Half Cross"
06: Trilogy 6 "Forgetting"
07: Untitled
08: Uniform
09: Uselessness
10: Aside From This Distant Shadow, There Is Nothing Left
11: Biography
12: Diamond Tooth

Alte Kommentare

von yes! 10.07.2012 13:21

8,5 macht 9 und neun würde Empfehlung bedeuten. Vermutlich irrelevant, weil jeder der sowas mag, von diesem wahnsinnig großartigen Release schon längst erfahren hat. Danke dennoch für das Review, ordnet meine Gefühle für das Album richtig ein. Ps. Mein Code ist jazz :)

von Fabian 10.07.2012 14:28

Großartiges Album. Live auch sehr überzeugend. Würde auch 8 geben.

von jensen 10.07.2012 14:43

Wie schön, doch noch eine Kritik zu dieser Abrissbirne. Ich musste mir die Platte erst richtig schönhören, stehe mittlerweile aber voll drauf. Nicht mehr so frickelig wie früher in vielen Songs, aber dafür mit umso mehr Dampf unterm Kessel. Auch live ein Erlebnis!

von Tobe 10.07.2012 14:47

mal abgesehen von superplatte und superband, danke für folgenden satz: "Was Hardcore mit großer Sicherheit nicht ist: das Stechen und Beißen abgehalfterter Legenden, denen Weiterentwicklung ein Fremdwort ist."

von lulux 10.07.2012 16:41

Besser spät, als nie, was .)

von Daniel. 11.07.2012 00:44

Was für eine geile Band das ist!

von Jogges 11.07.2012 13:18

"Was Hardcore mit großer Sicherheit nicht ist: das Stechen und Beißen abgehalfterter Legenden, denen Weiterentwicklung ein Fremdwort ist." ...hat doch auch nie jemand behauptet, dass dieses Idiotenverhalten auch nur irgendetwas mit HC zu tun hat, außer dieser selbstverliebte Autor vielleicht.

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René

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