Plattenkritik

Misanthrop & Cocon - Gefahren im Anzug

Redaktions-Rating

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Release Date: 09.09.2011
Datum Review: 05.09.2011

Misanthrop & Cocon - Gefahren im Anzug

 

Das ambitioniert-progressive deutsche Hip-Hop-Label Postrap ist wieder zurück – mit dem labeleigenene Zugpferd MISANTHROP, und COCON, der in der Vergangenheit vor allem durch sein aufregendes Doppelalbum „Haut & Knochen“ bestach. Auffälligstes Merkmal der neuen Platte „Gefahren im Anzug“: Weniger menschliche Abgründe, mehr Textgut, wie er sich fast schon gen durchschnittlichen Hip-Hop-Kanon bewegt. Da wird im nach dem Label benannten, hier aber durchaus als sowas wie ein Genrebegriff gehandelten „Postrap“ unter anderem die Wackness üblicher Hip-Hop-Protagonisten angeprangert („Alle wollen wie KOOL KEITH rappen, während wir schon lange post-rappen“), ohne dass dabei natürlich das Wort „wack“ fällt, geschweige denn der nüchterne, nach wie vor weitestgehend rhyhmelose Flow beiseitegelegt wird. Apropos: Auch in der Hinsicht muss Hip-Hop-Deutschland einstecken, wenn MCs mal wieder Inhalte für Reime opfern. Kurios nur, dass gerade die paar Reime auf „Gefahren im Anzug“ völlig substanzlos daher kommen: „Deine Tochter heißt Jaqueline, meine Sophie, denn sie weiß: Musik ist mehr als Klingeltonmelodien.“ „DJs“, aus dem diese Zeile, sowie das leitende Sample „Most DJs these days only scratch the surface“ stammen, nimmt dazu auf gewohnte Weise den Krieg zwischen MP3 und Vinyl abermals ins Blickfeld, bei dem sich MISANTHROP und COCON selbstverständlich auf die Seite des artigen Plattensammlers schwingen. Keine neuen Erkenntnisse, nur eine weitere von einem gewissen Überlegenheitsgefühl durchzogene Aufzählung von Argumenten, warum das eine der Shit und das andere eben nicht ist. Selbst für mich als Plattenkäufer irgendwie eine sehr zwiespältige Angelegenheit - gerade wenn der Beat dann noch so tut als ginge mit diesem vermeintlichen Umbruch die Welt unter. Und sogar die Commedyszene (und alles verwandte) kriegt auf „Der Witz ist nicht mehr lustig“ ihr Fett weg, auch wenn sich die beiden hier schon weitaus geschickter anstellen und eine durchaus brauchbare Analyse zu Tage gebracht wird. Nur wirkt die Thematik etwas verloren, fehlt doch bis höchstens auf dem auch thematisierten Poetry-Slam jeglicher Bezug zum sonstigen textlichen Gut. Das wirkt dann in etwa so, als würde FLAVOR FLAV auf einer gewohnt politischen PUBLIC-ENEMY-Platte plötzlich über Hühnchen rappen, nur weil er halt eine Schwäche für Hühnchen hat.

Doch ist jetzt „Gefahren im Anzug“ nach über 300 Worten (es lebe der Wörter-Zähler in Word!) gebündelter Kritik wirklich so ein Totalausfall geworden? Nein, absolut nicht: Die Beats sind fast über die Bank weg klasse, sprach- und textlich wird bis auf genannte Ausfälle gewohnt viel geboten und mit „Drei Wochen“ und „Schwereloser“ mit einer überraschenden catchyness überzeugt. Besonders gefiel mir aber „Nord-Süd-Gefälle“, wo eine großartige Zeile die nächste jagt (beispielsweise: „Hoffnung brauchst du nur bis sie dir fehlt, und wir haben uns im Suchen gefunden“), der Beat so ein bisschen diese nachdenkliche Stimmung der letzten SON KAS einfängt und nur der aus einem Sample bestehende Chorus etwas deplatziert wirkt. „Gefahren im Anzug“ ist somit ein Album geworden, für das man zwar hier und da mal ein Auge zudrücken muss, dass aber den qualitativ konstant hohen Kurs im Grunde doch weiter aufrecht erhält. Für mich ist die Sache eigentlich ganz klar: Wieder etwas runter vom hohem Ross, hin zum Denken dass dieses „post“ mehr für das progressive, das ambitionierte steht, und nicht zwingend für besser, dann reichts nächstes mal vielleicht auch wieder für einen Platz in der Tipp-Sektion. Und selbst wer seine Songs aus dem iTunes-Store bezieht ist doch kein Verbrecher. Aufgerundete 7 Punkte.

Tracklist:

1. Eingang
2. Alle Bücher, die ich nie geschrieben habe
3. Haltestelle
4. postrap
5. DJs
6. Der Witz ist nicht mehr lustig
7. Nord-Süd-Gefälle
8. Drei Wochen
9. 1000 Tode
10. G.I.A.
11. Der Letzte macht das Licht aus
12. Schwereloser
13. Ausgang

Alte Kommentare

von penguin-in-the-desert 08.09.2011 11:46

Gutes Review! Vollste Zustimmung.

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Olivier H.

Autoren Bio

"They said, Do you believe in life after death? I said I believe in life after birth" - Cursed

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