Plattenkritik

Oliver Uschmann - Wandelgermanen. Hartmut und ich stehen im Wald

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Release Date: 01.01.1970
Datum Review: 18.07.2007

Oliver Uschmann - Wandelgermanen. Hartmut und ich stehen im Wald

 

Welcher Großstädter im Alter von "29 plus" hatte noch nie die Idee "aufs Land" zu ziehen? Wenige... verdammt wenige. Ich selbst hab mich schon ertappt, verträumt die Optionen einer Ebay-Schnäppchenimmobilie zu überdenken, schließlich ist hier im Umland jede Menge Platz für die Erfüllung jedes noch so spinnerten Traums. Ha! Der gute Oliver Uschmann holt mich aber mit dem dritten Band von "Hartmut und Ich" sowas von auf den Boden der Tatsache zurück. Geht das
überhaupt? Daß einen ein komplett abgefahrener surrealer Roman in die Realität zurück holt? Irgendwie gelingt es ihm.

Für diejenigen, die die Welt von "Hartmut und Ich" noch nicht kennen, kurz eine kleine Einführung. Hartmut ist Philosophiestudent und lebt mit dem Icherzähler in einer WG in einem baufälligen Mietshaus in Bochum. Während "Ich" die meiste Zeit neben seinem UPS Malocherjob an der Playstation oder in der Badewanne verbringt, beglückt Hartmut seine Umwelt mit immer neuen grandiosen Kathastrophenideen. Er probiert ob die Slipeinlage ihren Namen "Always" zurecht trägt, bringt das ganze Viertel durch seine Adventsverdunklung in Aufruhr oder klemmt ihm mal eben komplett den Strom ab. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit unterschiedlichsten skurrilen Projekten wie Dequalifizierungsseminaren oder einer Onlinelebensberatung. Seine Aktionen, Pläne und Gedanken sind so unkonventionell, daß man sie nur mit "hartmutesk" angemessen beschreiben kann.

War der erste Band noch eine eher lose zusammenhängende Sammlung von Kurzgeschichten, ist "Wandelgermanen" ein echter Roman. Hartmut, der
Icherzähler, deren beide Freundinnen, eine Katze und eine Schildkröte werden nämlich dank Abriss ihres alten Mietshauses obdachlos und beschließen aufs Land zu ziehen. Hartmut, immer für eine Überaschung gut, ersteigert kurzerhand auf Ebay ein Haus im Hohenloher Land in der tiefsten Baden Württembergischen Provinz, das sich natürlich als komplette Ruine herausstellt. Ab hier dreht so langsam alles ins Absurde ab. Der ehemalige Stadtguerilliero erfährt aber auch überall Schlimmes: die Nachbarn hängen einem dubiosen Germanenkult oder einer unfähigen Wehrsportgruppe an, ein verrückter Bauer droht mit der Mistgabel, die Freundinnen sind längst geflohen, das zuständige Bauamt scheint eine Dependance von Alices Wunderland zu sein und das Haus wehrt sich vehement gegen seine Renovierung. Aber zum Glück erscheint ein wundertätiger Restaurator und Zimmermann mit seinen 12 Helfern ..... Daß die Geschichte dann irgendwann ziemlich surreal wird, sei hier noch verraten, aber alles weitere lest lieber selber oder hört euch eine der Lesungen an, die es ab Ende August im Rhein/Ruhrraum geben wird. Termine unter www.hartmut-und-ich.de.

Wer nur auf realistische Tatsachenberichte oder Reportagen steht, sollte lieber die Finger von lassen, aber wer absurde Komik, skurrile Typen und aberwitzige Geschichten mag ist hier bestens bedient. Mich hat nur ein unverschiebbarer Termin davon abgehalten, die Wandelgermanen an einem Stück durch zu lesen, so haben sie mir eine sehr schlafarme Nacht beschert.

"Du siehst sie sitzen an des Saales Ende, So bangen sie, daß die Säule sie birgt, Die Säule zersprang von des Riesen Sehe, Und entzweigebrochen sah man den Balken".

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