Plattenkritik

PVRIS – All We Know Of Heaven, All We Need Of Hell

Redaktions-Rating

Info

Release Date: 25.08.2017
Datum Review: 03.10.2017
Format: CD Vinyl Digital

Tracklist

 

01. Heaven
02. Half
03. Anyone Else
04. What's Wrong
05. Walk Alone
06. Same Soul
07. Winter
08. No Mercy
09. Separate
10. Nola 1

Band Mitglieder

 

Lyndsey Gunnulfsen - voc, git
Alex Babinski - git
Brian MacDonald - bass

PVRIS – All We Know Of Heaven, All We Need Of Hell

 

Patrick Boinet, Markus Grimm, Kristina Dörfer und Doreen Steinert sind NU PAGADI. Herzlichen Glückwunsch – ihr habt die vierte Staffel Popstars gewonnen und werdet fortan Stars.

Nicht.

Lyndsey Gunnulfsen, Gitarrist Alex Babinski und Bassist Brian MacDonald sind PVRIS. Und klingen im Ersteindruck genauso austauschbar und charakterlos wie die soeben vorstellten Megastars aus der niemals enden wollenden RTL2-Castingshow.

„All We Know Of Heaven, All We Need Of Hell“ ist bereits das zweite Album der Band aus Massachusetts und noch etwas glatter und überproduzierter als der Vorgänger „White Noise“. Das Songwriting ist so 08/15, seelenlos und auf Chartkompatibiltät getrimmt, dass es völlig egal ist, ob die Songs nun von KATY PERRY performt werden oder von einer Band im rebellischen H&M-Gothiklook, der fürs rockige Image schnell ein paar Instrumente in die Hand gedrückt wurden.

Dennoch: Der Hype ist real, also machen PVRIS (und ihr Management) eine ganze Menge richtig. International sind die Klickzahlen der üblichen Plattformen bereits in Millionenhöhe, in Deutschland nimmt die Bekanntheit von PVRIS seit Support von BRING ME THE HORIZON vor einigen Jahren ebenfalls stetig zu.

Die Berghainästhetik der Band und die stimmlich starke Frontfrau zwingen Vergleiche zu MYRKUR und CHELSEA WOLFE geradezu auf. Aber wo letztgenanntere mit Genres spielen und unterschiedlichste Spielarten extremer Musik miteinander kombinieren, haben PVRIS ihre Niesche innerhalb der Metal(core)- und Post-Hardcore-Szene gefunden, ohne die Genres musikalisch zu bedienen. Popmusik für Leute, die keine Popmusik mögen.

Lyndsey "Lynn Gunn" Gunnulfsen, welche einen maßgeblichen Einfluss auf das Songwriting und die Produktion des Albums hatte, ist musikalisch nur schwer ein Vorwurf zu machen. Ihre Stimme ist überdurchschnittlich gut, wenn auch in ruhigen Momenten zu kühl und unemotional. Problematisch ist die Abwechslung: Jeder der 10 Songs auf „All We Know Of Heaven, All We Need Of Hell“ ist catchy, mit einer Ohrwurmhook ausgestattet und im Vortrag stadiontauglich. Nur gibt es im Vergleich untereinander kaum nennenswerte Unterschiede.

Hall, Hall - wir brauchen Hall

Die Singles "Heaven", "Half" und "What´s Wrong" klingen fast gleich, der Großteil der restlichen sieben Lieder ebenso und im Abschlusstrack "Nola 1" klaut die Band letztendlich direkt bei sich selbst. Der Aufbau aller Songs ist nahezu identisch: radioeskes Midtempo, reduziertes Drumming in den Strophen und im Refrain dann der ekstatische Ausbruch mit Lynn Gunns kräftigen, aber unemotionalen und mit Chören unterlegter Gesang. Dazu ganz viel Hall. Es scheint, als wurde das Album im Mastering einmal komplett durch die gleichen Reverbplugins gejagt und Space Designer zusätzlich auf Anschlag gedreht.

Bei Betrachtung einzelner Tracks fällt der übertriebene Einsatz elektronischer Plugins und Elemente nicht negativ ins Gewicht, im Gesamtkontext wirken die meistens Songs dadurch allerdings überfrachtet. Einen kurzen Moment der Abwechslung bietet lediglich "No Mercy", welcher im Tempo zulegt und mit seinem Uptemporhythmus etwas aus der Reihe fällt. Der Refrain ist dennoch gewohnt aufgeblasene Bubblegumkost.

Die Band ist auf Erfolg getrimmt und klingt exakt so, als würden sich PVRIS nur auf den großen Bühnen zu Hause fühlen. Es sei ihnen gegönnt. Das Talent für Songwriting spreche ich der Band ebenfalls nicht ab, aber für große Songs und dem Vermitteln von Emotionen fehlt ihnen das Gefühl. ZOLA JESUS zeigte zuletzt wie mit modernen Elektrosounds im Gothikgewand Kälte vermittelt wird, PVRIS im Vergleich bleiben dagegen blass, künstlich und zu konstruiert.

Autor

Bild Autor

Sebastian

Autoren Bio

Basti // 28 // Berlin // Hiphop bis Blackmetal

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