Plattenkritik

Propagandhi - Supporting Caste

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Release Date: 09.03.2009
Datum Review: 25.02.2009

Propagandhi - Supporting Caste

 

„Ich rieche Menschenfleisch!“ PROPAGANDHI suhlen sich auf ihrem mittlerweile fünften Angriff gegen alles und jeden mehr denn je in den Exkrementen des unpolitischen Subjekts. Der Metal indes nimmt in diesem Kreuzzug für kurze Momente eine weitaus exponiertere Stellung ein als jemals zuvor. Völker, so entstehen Hymnen.

Sie sind noch lange nicht satt. Im Gegenteil. Blutbeschmiert und mit diabolischem Grinsen auf dem Gesicht stopfen sich PROPAGANDHI so richtig voll. Auf dem Tisch: Blitzblank abgenagte Knochen, allerlei Gedärm, Augäpfel und abgetrennte Gliedmaßen. Was die Hardcore-Tierrechtler hier wohl konsumieren? Der Kochtopf mit Nachschub jedenfalls steht noch auf dem Herd. „Ich genoss seine Leber mit ein paar Fava-Bohnen, dazu einen ausgezeichneten Chianti“. Oder so ähnlich. Einer aus der Band trägt ein SNFU-Longsleeve. Bekochter Ehrenteilnehmer dieser Blutorgie: Ein pikanter Gast. Tyler Ziegel. Im Jahre 2007 weltweit bekannt geworden als (entstelltes) Symbol für den Irak-Krieg. PROPAGANDHI führen so im Booklet ihres aktuellen Albums gleich kongenial zwei ihrer Herzensthemen abstoßend zusammen. Tierrechte und Kriegstreiberei. Fehlen lediglich die obligatorischen „gay positive“ und „pro-feminist“ Sujets im unbequemen Themenkanon der Kanadier. Das mögen vielen immer noch als anstrengend empfinden.

'Night Letters' ist das auch. Also anstrengend. Im positiven Sinne. Ein fieser Metal-Brocken dieser erste Song, dazu singt Bassist Todd Kowalski und eben nicht Chris Hannah, der sich heuer Jesus H. Chris nennt. Die musikgewordene Abwrackprämie für eine Welt auf dem Müllhaufen ertönt erstmalig auf 'Supporting Caste', das in dieser umwerfenden Mischung aus Hymne und Frickeligkeit auch bestens auf den Vorgänger gepasst hätte. Die Durchschnittsspielzeit des gemeinen Punksongs im Vorbeigehen ad absurdum führend. Überhaupt oszillieren PROPAGANDHI im Jahre 2009 zwischen besonders lieblich (nur die Melodien) und besonders böse. Auf die Spitze getrieben wird dieses Spielchen auf 'Human(e) Meat (The Flensing Of Sandor Katz)'. Ein Popsong, der zu Kannibalismus aufruft. Vorher werden noch unter unmenschlichem Geschrei fachgerecht die Knochen zersägt. Zugegeben, das alte Spielchen der „provokativen“ Zitate (in diesem Fall: Emma Goldmann und Herman Goering) hat sich doch ein wenig abgenutzt. Auch, dass einer der Lieblingsanwälte für Tierrechte – Peter Singer – immer wieder aus dem Kontext seiner mehr als umstrittenen Veröffentlichungen gerissen wird, ist ärgerlich. Und in diesem Fall wohl eher Unkenntnis denn provokativem Kalkül geschuldet.

Doch zurück zur Musik. 'This Is Your Life' ist ein einmütiger Wutanfall mit kurzem Thrashfinale. 'Without Love' und 'Dear Coach’s Corner' dürften in ihrer melodischen Stringenz auch Fans des alten Materials munden. 'The Banger’s Embrace' trotz irreführendem Titel noch mehr. Das ist astreiner Poppunk mit Substanz, wie ihn die Kanadier geprägt haben. Langes Review, kurzer Sinn: PROPAGANDHI bleiben wichtig. Und umstritten. Und rein musikalisch essentiell für das, was Mensch so unterschiedslos als Punk(-Rock) bezeichnet. Das funktioniert selbstredend auch ohne Michael Burketts Edelpunkschmiede.


Tracklist:

01: Night Letters
02: Supporting Caste
03: Tertium Non Datur
04: Dear Coach’s Corner
05: This Is Your Life
06: Human(e) Meat (The Flensing Of Sandor Katz)
07: Potemkin City Limits
08: The Funeral Procession
09: Without Love
10: Incalculable Effects
11: The Banger’s Embrace
12: Last Will & Testament

Autor

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René

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