Plattenkritik

Udo Lindenberg - MTV Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic (Doppelzimmer Edition)

Redaktions-Rating

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Release Date: 16.09.2011
Datum Review: 22.09.2011

Udo Lindenberg - MTV Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic (Doppelzimmer Edition)

 

Ich muss mich ein wenig zurücknehmen, denn die Pferde gehen schnell mal mit mir durch. Immerhin habe ich ein Album von UDO LINDENBERG zu besprechen. Udo fand ich schon immer einzigartig gut, begründet wohl aus meiner frühesten Jugend, denn meine Eltern hassten ihn („guck mal wie der aussieht“ und „der kann ja gar nicht singen“). Ich beschloss also, auch mal ein Rebell zu werden!

Endgültig zu meinem Star stieg Udo mit seiner Dritte Welt Hymne „Kleiner Junge“ von der 1983 gestarteten „Odyssee“ (ich bekomme jetzt noch Tränen in die Augen, wenn ich dieses Lied höre…) auf und besiegelte seinen Status, als er 1987 in Wuppertal Erich Honecker bei seinem ersten BRD-Besuch neben einer Lederjacke eine Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren" schenkte. Hinzu kommt natürlich noch, dass er als Schlagzeuger die Tatort Melodie (komponiert von Doldinger) eintrommelte…

Ich bin aber auch weise genug um zu kapieren, dass dieser einstige Rebell mit Kodderschnauze, urigem Aussehen und Rockerattitüde (legendär die ganzen Fernsehauftritte, in denen er vom Schnaps geschubst wurde/zu sein schien) mittlerweile angepasster ist als ein klassischer Repräsentant der Mittelschicht, des Vorgarten/Baugebiets Spießbügertums. Uns Udo ist Maler/Künstler/Sänger/Autor und Hotelbewohner, aber ich sehe ihn nicht mehr als Medium, um gesellschaftliche Missstände auf den Punkt zu bringen. Ich habe den Eindruck, dass Udo sich seit langer Zeit nur noch vor den Kameras sonnt und als Vorzeige-Revoluzzer im großen Scheinwerferlicht die Vergangenheit dekadent auslebt, anstatt mal wieder ordentlich Dreck aufzuwirbeln.

Und genau dieses Bild spiegelt sein neues Album „MTV Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic (Doppelzimmer Edition)“ wieder. Denn wenn schon Live- und Best Of-Alben noch und nöcher von ihm produziert wurden, muss etwas anderes herhalten (denn der geneigte Fan will schließlich gemolken werden!). Und da bietet sich eine MTV Unplugged Session an, da er diese noch nicht sein eigen nennen konnte. Bereits der Titel fördert Störgefühle, denn die Songs wurden NICHT live im Hotel Atlantic eingefangen, sondern die Kulisse des Hotels wurde lediglich in einer Hamburger Kulturfabrik nachgebaut und das Material stammt wahrscheinlich aus den 4 öffentlichen Generalproben. Wahrscheinlich deshalb, weil zu keiner Zeit eine Live-Atmosphäre und erst recht kein Unplugged Feeling aufkommen mag. Zunächst sind die Titel zusammengestückelt in der Art, das der Anfangs- und Endapplaus ein- bzw. ausgeblendet wurde und zwischen den Songs Pausen bestehen. Damit ist der Fluss eines Live-Konzerts völlig zerschossen worden und damit verabschiedet sich das „Live-“ vom Album. Zudem sind die Songs allesamt fetter produziert worden als auf Udo’s Originalaufnahmen, so dass die originären Aufnahmen mehr nach Unplugged klingen als die Unplugged Aufnahmen dieses Albums. Ich könnte auch wetten, dass stellenweise doch irgendwo ein Stecker den Weg in die Dose fand oder im Reglerraum noch nachträglich aufgemotzt wurde. Kurzum: Mit den legendären Unplugged Konzerten hat „MTV Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic (Doppelzimmer Edition)“ nichts am Hut!

Störend ist auch die Omnipräsenz aktuell angesagter Künstler. Warum hat es UDO LINDENBERG nötig, sich 12. Mal von irgendwem featuren zu lassen? Es kam mir von Anfang an so vor, als wolle nicht Udo Herr im Ring sein, sondern das Album solle als Plattform für gehypte deutsche Künstler dienen. Duette bis zum völligen Aderlass seiner eigenen Stimme braucht er doch nun wirklich nicht! Auch das ellenlange und irgendwie Sinn entleerte Vorwort eines Benjamin von Stuckrad-Barre schließt sich nahtlos dieser Einschätzung an.

Das alles zu vernachlässigen fällt verdammt schwer, so dass die reine Songbetrachtung etwas leidet. Konstatiert werden muss jedoch, dass Udo stimmlich voll auf der Höhe ist und die Gastbeiträge durchaus ihren Reiz entfalten. Auch die Songauswahl kann sich definitiv sehen lassen, zumal auf der 2 CD-Version (Doppelzimmer Edition) insgesamt 24 Lieder vorhanden sind. Wenn nur nicht diese Zerstückelung durch Pausen zwischen des Liedern einhergehend mit der völligen Zerstörung der Konzertatmosphäre wäre…



Tracklist:
Disk: 1
1. Die Bühne Ist Angerichtet
2. Mein Ding
3. Er Wollte Nach London
4. Gegen Die Strömung (Feat. Jennifer Weist Of Jennifer Rostock)
5. No Future (Feat. Max Herre)
6. Leider Nur Ein Vakuum
7. Good Life City (Feat. Alina Süggeler & Andi Weizel Of Frida Gold)
8. Ich Lieb Dich überhaupt Nicht Mehr
9. Wozu Sind Kriege Da (Feat. Coole Elbstreicher & Juri Voutta)
10. Ein Herz Kann Man Nicht Reparieren (Feat. Inga Humpe)
11. Das Leben (Feat. Martin Tingvall)
12. 0-Rhesus-Negativ
13. Was Hat Die Zeit Mit Uns Gemacht (Feat. Nathalie Dorra)

Disk: 2
1. Reeperbahn 2011 (What It’s Like) [Feat. Jan Delay]
2. Jonny Controlletti (Feat. Stefan Raab)
3. Honky Tonky Show (Feat. Stefan Raab)
4. Bis Ans Ende Der Welt
5. Cello (Feat. Clueso)
6. Unterm Säufermond
7. Horizont
8. Candy Jane (Feat. Panikorchester)
9. Alles Klar Auf Der Andrea Doria (Feat. Panikorchester)
10. Goodbye Sailor
11. Ich Schwöre

Alte Kommentare

von jonsen 22.09.2011 20:36

also dass stefan raab mit auf der bühne steht ist einfach nur lächerlich. da hätte er bessere leute holen können...

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Clement

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Ich fühle mich zu alt

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