Plattenkritik

SHAKERS - I Need You to Know

Redaktions-Rating

Info

Release Date: 10.04.2020
Datum Review: 20.10.2020
Format: Vinyl Digital

Tracklist

 

1. Allay
2. Spin
3. Swan Song
4. Sun Scare
5. Words
6. Abandon Scale
7. If It's Done With, It's Eternal
8. Telemark
9. Somersault
10. Fuse
11. Sputnik

SHAKERS - I Need You to Know

 

 

SHAKERS aus Wiesbaden sind nur eine von vielen Bands, denen „good ol ´Rona“ 2020 einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Nur einige Wochen vor dem Release des Debüt-Albums „I Need You to Know“ sorgen die Umstände zum Platzen der Release-Tour. Darüber nachzudenken, wie viel mehr Aufmerksamkeit diese LP ohne die Ausnahmesituation bekommen hätte - müßig. Fest steht: mehr. Fest steht auch: Zurecht.

Warum diese Rezension nun erst ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung kommt? Nun, auf „I Need You to Know“ lässt sich alles andere als gutgestimmte Sommer-Musik finden. Die Atmosphäre muss passen, denn das Post-Hardcore / Screamo-Gemisch der Hessen ist weder etwas für jedermann noch etwas für jederzeit. Jetzt, da die Tage wieder kürzer, dunkler und kälter werden, kann die Platte besser in ihrem Sinne wirken.

„I Need You to Know“ ist alles andere als ein warmes Album, was auch immer ein warmes Album genau wäre. Wenn überhaupt, dann spenden einige Stellen Trost. Größtenteils fühlt sich diese Platte jedoch an wie ein Exorzismus an den eigenen quälenden Emotionen. Ob nun stürmisch und flehend oder leise, bedacht und mit brüchiger Stimme –  Sänger Chrisse Weiler wirkt stets aufgekratzt und unruhig, als ob er das Schreien zur Karthasis bräuchte. Passend zu seiner Rastlosigkeit winken an allen Enden vertrackte Schlagzeugfiguren (inklusive einiger Blast Beats, die müssen Erwähnung finden!) und stakkato-artige Gitarren, die sich auch einige Ausflüge in die Gefilde des Post-, Indie- und Math-Rocks erlauben.

Unter dem Strich ist eine der größten Stärken der SHAKERS auf ihrem Debüt zugleich ihre Schwäche: Ähnlich wie die Konglomerat-Kollegen von LA PETITE MORT / LITTLE DEATH sind die Wiesbadener zwar unglaublich spielfreudig, damit aber eben auch oft drüber. Vor lauter Frickel und Geschrei kommt insbesondere auf der B-Seite der LP kaum noch Gefühl rüber. Das Rezept nutzt sich auf Albenlänge ab, die Songs verschwimmen irgendwann in überambitionierter Gleichförmigkeit. Schade, denn der Opener „Allay“ eröffnet die LP fulminant und prescht vielversprechend nach vorne. Er wird der energetischste und positivste Song bleiben und erinnert hiermit an neuere Songs von TOUCHÉ AMORÈ. Danach sind es vor allem die stillen Momente auf „I Need You to Know“, in denen SHAKERS sich von ihrer besten Seite zeigen - ironischerweise genau die Momente, in denen die Band am wenigsten „zittrig“ klingt. So sind es das düstere quasi-Interlude „Fuse“ und vor allem der überragende Beginn von „Swan Song“, der mich als Zuhörer am meisten aufhorchen und mitwippen lässt. Stellen, auf denen sich die großartige Produktion und nicht zuletzt das Mastering von Jack Shirley (der diesen Job auch schon für DEAFHEAVEN, LOMA PRIETA, und OATHBREAKER übernommen hat) am besten raushören lassen.

Sollte ich der Band einen Tipp geben, dann sei es dieser: Verfolgt eben diese Fährte weiter. Dazu noch etwas vielseitigere Vocals und schwupps, könnte aus dem Szene-Geheimtipp in den nächsten Jahren eine Bank in der deutschen Hardcore-Punk-Landschaft werden. „I Need You to Know“, das lässt sich auf keinen Fall leugnen, könnte man als Hommage an die bereits genannten TOUCHÉ AMORÉ (alle Alben) und die frühen LA DISPUTE („Somewhere at the Bottom…“) betrachten. Damit scheinen SHAKERS auch zu kokettieren, als sie einige Zuhörer in „Telemark“ mit der Zeile „I am marching to the beat“ sicherlich „of a dead horse“ weiterdenken lassen und in „Fuse“ ganz ungestüm ein Windspiel verwenden, das sofort an „New Storms for Older Lovers“ von LA DISPUTE denken lässt. Noch stellt sich, trotz dem offensichtlich großen Fundus an eigenständigen Ideen, die Frage: Warum nicht einfach die Originale hören? Diese Zweifel könnten SHAKERS auf der nächsten Platte zweifelsohne zerstreuen.

Autor

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Marcel M.

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