Plattenkritik

THE WARRIORS - Monomyth

Redaktions-Rating

Info

Release Date: 15.12.2019
Datum Review: 15.12.2019
Format: CD Vinyl Digital

Tracklist

 

01. All Life is One
02. The Painful Truth
03. Iron Mind
04. Yu'ukwep Nukagüd (Death Dancer)
05. Death Ritual
06. Hutch
07. Within, Without
08. Fountain of Euth
09. Tavi Üüs Yukwenaak (The Sun is Dying)
10. Burn from the Lion
11. Beyond the Human Dimension
12. Last S.O.S.

Band Mitglieder

 

Marshall Lichtenwaldt - vocals
Roger Camero - drums
Joe Martin - bass
Javier Zarate - git
Charlie Alvare - git

THE WARRIORS - Monomyth

 

 

“HC-Kids aufgehorcht! THE WARRIORS sind zurück!“ - „Wer?“ – „Na, die WARRIORS!“ – „Ist das nicht n Film?“ - „Auch, aber ich meine die Band, die die allererste Never Say Die! Tour mit PARKWAY DRIVE und COMEBACK KID mitgespielt hat.“ – „Ach krass, machen die sowas wie ALAZKA?“ – „Nee…“ – „Eher so Deathcore?“ – „Äh… ne… vergiss es einfach.“

So oder so ähnlich könnte ein Gespräch in den letzten Tagen ausgesehen haben, wenn Hardcore-Veteranen Mitte 30 wirklich auch im realen Leben und nicht nur in Kommentarspalten mit dem fast volljährigen Szene-Nachwuchs reden würden.

„I don’t know if people still remember us” lacht Marshall Lichtenwaldt, Frontmann der Band aus der winzigen Bergstadt Tehachapi in Kalifornien, im Zuge der sehr spontanen Veröffentlichungsankündigung der letzten Woche. Wenige Tage später findet man „Monomyth“ tatsächlich schon auf Spotify. Es ist das fünfte Album der WARRIORS. Zum Zeitpunkt der letzten Veröffentlichung im Jahre 2011 („See How You Are“) steht der große Boom der Streaming-Plattformen noch bevor. Vieles hat sich seitdem geändert. Das Tempo des für seine mitunter sehr kurzweiligen Hypes und Subgenres bekannten Genres Hardcore hat sich tatsächlich nochmal erhöht. In der Zwischenzeit war es Gang und Gebe, dass US-Bands mit einer EP unter dem Gürtel nach Europa kommen und man danach nicht mehr wirklich von ihnen hört. Was nun also die unerwartete Rückkehr der WARRIORS für die Szene im Ganzen bedeutet – eine hoch spannende Frage. Es könnte geholfen haben, dass mit KNOCKED LOOSE eine der absoluten Durchstarter-Bands der letzten Jahre auf der erst im April diesen Jahres veröffentlichten Single zu „Mistakes Like Fractures“ mit „Slings and Arrows“ ein Cover der Kalifornier untergebracht haben.

Doch, so vermute ich, große Wellen wird die Sache nicht schlagen. Mit wehem Herzen rufe ich mir vor Augen, wie gnadenlos die Europatour von RUINER im letzten Jahr vor meinen Augen in Form von buchstäblich null Publikumsinteraktion zerschellt ist. Nicht jeder kann HAVE HEART sein, und auch diese Reunion hatte einen für mich mehr als nur bitteren Beigeschmack. Seien wir ehrlich: Hardcore ist ein sehr undankbares Genre für jeden, der einen künstlerischen Anspruch über die gewohnten zwei bis drei Alben hinaus hat. Es wundert kaum, dass Bands wie CEREMONY gar nicht anders können, als auf Abwegen zu wandern. 

THE WARRIORS schaffen es auf „Monomyth“ jedoch erstaunlich mühelos, Altes mit Neuem zu verbinden. In der DNA aller Songs steckt das typische WARRIORS-Feeling, das vor allem durch Lichtenfeldts hohen Keifrap und das metal-lastige, zwischen Breakdowns und melodischen Riffs oszillierende Spiel seiner Gitarristen Javier Zarate und Charlie Alvarez charakterisiert wird. Fünf der zwölf Songs (darunter zwei Sprach-Samples und drei mit modernen Rap-Beats ausgestattete Stücke) dienen als abwechslungsreiche Verschnaufpause zwischen den Hardcore-Brettern, was in Kombination mit der endlosen Latte an Gastmusikern auf unaufdringliche Weise an die Gesamtkomposition einer COLD WORLD – Platte erinnert. Die klassischen Hardcore-Songs sitzen wie eine Eins und bieten an vielen Ecken Überraschungen: „All Life Is One“ führt, nur mit Lichtenwaldts leicht erkennbarem Gesang, Schlagzeug-Toms und einem wabernden Industrial-artigen Synthie ausgestattet, mit erstklassigem Spannungsbogen in die altbekannte Klangwelt der WARRIORS zurück. Dass das nur als Aufwärmnummer gedacht ist, zeigt dann im Anschluss das krachende „The Painful Truth“, das am Ende sehr prominente Guest-Vocals bereithält: Winston McCall himself garniert den Song. Und die Platte läuft spätestens ab jetzt, wenn man in terms of Moshpit-Tauglichkeit denkt, auf Hochtouren. Der andere wirklich große Gast-Moment kommt ebenfalls aus dem Hause PARKWAY DRIVE, denn „Within, Without“ weist von Anfang an das mittlerweile unverwechselbare Gitarrenspiel von Jeff Ling auf und verleiht dem Song nicht zuletzt auf diesem Wege eine gewisse Prise Hymnencharakter und Epik. Die Liste der restlichen Musiker, die ihre Finger bei „Monomyth“ mit im Spiel hatten, liest sich wie eine Liebeserklärung an die Szene: XIBALBA, TERROR, THE MOVIELIFE bzw. I AM THE AVALANCE, RX BANDITS. Zweifelsohne steckt die Liebe hier vor allem im Detail. „Death Ritual“ und „Burn from the Lion“ fungieren, gut voneinander entfernt platziert, als Höhepunkte auf der Platte. Doch bis zum Ende bleibt „Monomyth“ stark, deckt mit „Last S.O.S.“ gar nochmal ganz andere Seiten im Soundkatalog auf. Nach dem Klavier-Intro trifft ein eher rockiges Riffing hier auf einen chaotischen, ständig mit Breaks durchsetzten Beat. Das klingt, wenn man den Gesang mal außen vorlässt, wie eine Mischung aus EVERY TIME I DIE und CODE ORANGE, so aber dann doch wieder ganz eigen. Das Album mündet gegen Ende in verletzlichem und introspektiven Klavierspiel, welches paradoxerweise ebenso zu den von der Kybalion, von östlicher Philosophie und vom „Hero’s Journey“ (Joseph Campbell) inspirierten Lyrics von Marshall Lichtenwaldt passt wie der Rest der Platte.

„Monomyth“ wird es in Zeiten, in denen die Playlists das Albenformat längst abgelöst haben, nicht leicht haben. Umso besonderer wird die Platte für jeden sein, der bereit ist, sich auch mit einer Hardcore-Platte aus dem Jahr 2019 noch mit voller Aufmerksamkeit auseinanderzusetzen. Die WARRIORS werden es, da bin ich mir sicher, so oder so mit Würde zur Kenntnis nehmen. Dass ihre Musik in „der HC-Szene“ schrecklich unterbewertet wird, das war auch vor einem Jahrzehnt schon so.

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Marcel M.

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