Reeperbahn Festival 2018 Mittwoch - Freitag

23.09.2018
 

 

Das Reeperbahn Festival findet jährlich Ende September rund um die berüchtigte Feiermeile im Hamburger Stadtteil St. Pauli statt. Es bedeutet zum einen das Ende des Festivalsommers und zum anderen ist es ein wichtiger Austauschpunkt für die Musikbranche. Über vier Tage finden in zahlreichen Clubs und auf dem Spielbudenplatz hunderte Konzerte sowie Panels zu diversen aktuellen Themen im Musik- und Veranstaltungsgeschäft statt. Das Festival setzt den Schwerpunkt auf Newcomer und ist bemüht für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis im Lineup zu sorgen. Wir sind drei Tage über den Kiez gepirscht und haben so einige spannende neue Acts gesehen.

Die erste Anlaufstelle für Festivalbesucher/innen ist das Festival Village. Hier findet man kleinere Open Air Bühnen und kann sich zwischendurch mit Verpflegung und Strom fürs Handy versorgen. Auf dem Spielbudenplatz an der Reeperbahn spielt am Mittwoch die Berliner Band JAGUWAR. Bis auf die viel zu laute Gitarre bringt das Trio sehr fokussierte Tunnelblick-Musik irgendwo zwischen Postpunk und Shoegaze auf die Bühne. Da der Auftritt aufgrund von Soundproblemen verspätet beginnen musste, ist nach drei Songs wieder Schluss. Auf Platte nachgehört, macht diese Band bestimmt auch live Spaß – wenn der Sound stimmt. Kurz darauf spielen DIVES auf der fritz-Bühne im Festival Village. Auch hier wird mit Soundproblemen gekämpft. Die Band erinnert an GURR, doch leider mangelt es an der nötigen Eingängigkeit, um zumindest bei mir Eindruck zu hinterlassen.

Der NDR betreibt eine kleine Busbühne auf dem Spielbudenplatz und überträgt die kurzen Auftritte live im Radio. STEREO HONEY vermengen Pop mit Folk und Ambient. Die markante Stimme des Sängers lässt sich mit CITY AND COLOUR oder THE TEMPER TRAP vergleichen. Am anderen Ende des Platzes beginnen BLOND aus Chemnitz ihren Auftritt. Die Mischung aus Postpunk, Hip-Hop und Electro erinnert an THE GARDEN. Auch die gaga und witzigen Tanzeinlagen ergänzen Textzeilen wie „Ich hab‘ die Fresse voll Spinat und du hast nichts gesagt“ auf unterhaltsame Art und Weise.

Ein persönliches Highlight für mich, der vor allem im Rock und Punk unterwegs ist, ist am Mittwochabend die Stuttgarter Band RIKAS. Als Referenzen könnte man THE WHITEST BOY ALIVE, TWO DOOR CINEMA CLUB oder PARCELS heranziehen. Allerdings haben die vier einen eigenständigen Sound. Vier Hauptgesänge sorgen für Abwechslung und sie harmonieren perfekt mit dem Upbeat und den surfigen Gitarrensoli. Der Sound im Docks könnte klarer nicht sein, sodass die präzise Spielweise von RIKAS auch beim Publikum einen soliden Eindruck hinterlässt.

Roh und direkt spielen die PETROL GIRLS, bei denen der ASTPAI-Sänger am Schlagzeug sitzt, ihren Progressive Punk mit 00er Emo Einschlag vor einem eher der Musikindustrie zuzuordnenden Publikum. Der abwechselnde Gesang erinnert an ALEXISONFIRE mit einem Hauch von Postpunk. Die klare emanzipatorische politische Haltung der Band wird sowohl in den Texten als auch in den deutlichen und bestimmten Ansagen der Sängerin kundgetan. Was bei anderen Bands hohle Parolen sind, kommt hier authentisch und überzeugend bei den Gästen an. Nur wer hier an die nächsten PARAMORE denkt, hat die Message wohl nicht ganz verstanden.

Im St. Pauli Museum spielt Mittwochnacht BRETT NEWSKI. Aus einer Westerngitarre holt er E-Gitarren- und Basssounds heraus, begleitet von seinem sehr klassischen, Geschichten erzählenden und US-amerikanischen Gesang und einem Drummer. Der Singer-Songwriter liefert eine solide Show und überzeugt unter anderem durch seine sympathische Ausstrahlung. Dass er mit dem Produzenten von DEATH CAB FOR CUTIE gearbeitet hat, ist weniger hörbar, aber eventuell ein wichtiger Fact für den oder die Musikexpert/in.

Im Molotow am unteren Ende der Reeperbahn sorgen die französischen DECIBELLES für Krawall. Der Powerpop mit Postpunk vermischt sorgt vor der Bühne für Pogo. Die Skybar ist brechend voll, sodass ich nur etwa der Hälfte des Sets beiwohne. Keine schlechte Entscheidung, da wir am Kiosk um die Ecke dem LOVE A Sänger Jörkk begegnen und einen kurzen Plausch bei Underberg und Bier halten.

Zurück im Molotow spielen bereits STRANGE BONES aus UK, was man ihnen auch anhört. Die vier können definitiv mit FRANK CARTER mithalten und der Sänger-Gitarrist verschwindet dauernd im Pit. Der Sound hat sowohl Elemente der Alternative Rocker von ROYAL BLOOD als auch einen Touch von RAGE AGAINST THE MACHINE. Für Liebhaber/innen der 90s – und die sind ja scheinbar wieder angesagt – ein klarer Hörtipp.

Am Donnerstag spielen die Hamburger Newcomer LETO im Grünen Jäger. Dafür sind sie laut eigener Aussage besonders dankbar und geben an diesem noch recht frühen Abend alles auf der kleinen Bühne. Der Sound ist demnach etwas undifferenziert und spitz, aber den Spaß und die Hingabe sieht man dem Vierer zweifellos an. Im Anschluss haben wir noch ein Interview mit der Band geführt, welches in Kürze auf Allschools erscheinen wird. Ein kurzer Abstecher ins Docks folgt, wo die Popmusikerin SIGRID eine hochprofessionelle Show mit beeindruckender stimmlicher Qualität abliefert. In der Großen Freiheit, umgeben von ballermannesquen Tanzlokalken spielt im Keller des Clubs die türkische Band ALTIN GÜN. Ich hatte im Vorfeld einen Studioauftritt im Netz gesehen und war von der Diversität und Klarheit des Sounds beeindruckt. Genau das bringen die Musiker/innen auch hier auf die Bühne. Progrock der Sorte JETHRO TULL beziehungsweise Hippierock werden mit krautrockigem Groove vermengt. Vor der Bühne sorgt sehr betontes Bauchtanzen für Irritation, da das meines Erachtens schon sehr nah an der Grenze zur Cultural Appropriation liegt. PIP BLOM spielen eine Mischung aus Postpunk und Grunge, sie erinnern mich an JEFF ROSENSTOCK. Die vier haben sichtlich Spaß auf der Bühne und ziehen das Publikum in der Prinzenbar noch zu später Stunde in ihren Bann.

Am Freitag lege ich eine Pause vom Reeperbahn Festival ein und finde mich in der Astra Stube ein. Hier sehe ich mir nach vielen Jahren mal wieder EDGAR R. und die Essener von LEITKEGEL an. Beide Bands haben neues Material in der Pipeline, welches deutlich riffiger und rockiger ist, als ihre bisherigen Veröffentlichungen. EDGAR R. liefern Deutschpunk mit Stonereinschlag und erinnern zeitweise an FJORT. LEITKEGEL starten an diesem Abend einen vollen Konzertherbst, mit einem mächtigen Set, irgendwo zwischen Riffrock und Emo. Im Anschluss besuche ich noch die Show der BLACKOUT PROBLEMS, was im Nachhinein eine sehr Weise Entscheidung war. Während ich der Band auf Platte wenig abgewinnen konnte, bringen die Münchner ungeheuerlich viel Energie auf die Bühne. Auch der Gesang des Frontmanns Mario wirkt kräftiger und glaubwürdiger als auf den Studioaufnahmen der Band. Eine epische Lichtshow und ein mächtiger Sound bescheren ihnen ein begeistertes, volles Haus. Und damit ging für mich das Reeperbahn Festival 2018 zu Ende. Am Samstag standen noch die Auftritte von KADAVAR und THE DIRTY NIL sowie die Ausstrahlung des JOAN JETT Films „Bad Reputation“ auf dem Programm.